12. Dezember 2017 Paradocks

Usgnutzt – Was im Leerstand möglich ist. Ein Interview mit Johannes Herburger

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Johannes Herburger studierte Geographie an der Uni Wien und arbeitet heute in der Regionalentwicklung in Vorarlberg. Mit uns spricht er über das Festival Usgnutzt – Was im Leerstand möglich ist, das diesen Sommer in Vorarlberg stattgefunden hat und über die allgemeine Situation zur Leerstandthematik im Ländle.

C: Wie bist du auf die Idee gekommen, das Festival ‚Usgnützt‘ zu organisieren?

J: Es war so, dass die Co-Organisatorin Gudrun Sturn und ich uns öfters über das Thema Leerstand unterhalten haben. Das Problem dabei ist, dass zu diesem Thema in Vorarlberg auf politischer Ebene nicht viel passiert, aber öffentlich in den Medien immer Großes angekündigt wird. Es gibt ein Projekt über die Thematik Leerstand, das heißt „Sicher Vermieten“, wobei es um leerstehende Wohnungen geht, die quasi für den gemeinnützigen Mietwohnungsmarkt zugänglich gemacht werden sollen und Eigentümer unterstützt. Fakt ist, dass das nicht ausreichend ist, um das komplexe Problem Leerstand insgesamt anzupacken und darum haben wir, uns überlegt, dass wir Druck durch eigene Maßnahmen aufbauen wollen und ein Festival machen könnten, bei dem wir unterschiedliche Personen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen zu diesem Thema sprechen lassen. Wir hatten das Glück, ein leerstehendes Gebäude, das bald in ein Einfamilienhaus umgebaut wird, verwenden zu können und haben somit 1 und 1 zusammengezählt und gesagt: Das machen wir! Es war ein ziemlicher Schnellschuss, weil wir das Projekt über LEADER fördern haben lassen. Anfang April haben wir die Förderungszusage bekommen und im Juni hat Usgnutzt schon stattgefunden. Die ganze Organisation musste in zwei Monaten passieren und hat zum Glück gut funktioniert.

C: Es wurden beim Festival auch Schulklassen miteinbezogen. Wie wichtig ist die Bewusstseinsbildung zu dieser Thematik bereits in jungen Jahren?

J: Es war eine Schulklasse aus Röthis dabei. Es hat sich gezeigt, dass die Schüler alle sehr interessiert waren. Zuerst wurde mit den Schülern eine kleine Statistik-Übung über Haushaltsgrößen,- und Strukturen gemacht und wie dies im Zusammenhang mit zukünftigen Leerstand steht. Danach haben wir mit der Klasse einen kleinen Spaziergang durch einen Ortsteil in Röthis gemacht. Auch da hat sich gezeigt, dass das Interesse der Schüler groß ist und dass man das Interesse der Kinder sehr leicht für Leerstände wecken kann, da es auch etwas Geheimnisvolles an sich hat. Das schwierigere Thema war eigentlich, überhaupt eine Schulklasse zu finden, weil viele Lehrpersonen nicht der Meinung waren, dass diese Thematik wichtig genug ist, um es im Schulunterricht zu behandeln. Das Problem ist nicht bei den Kindern, die sehr leicht für das Thema zu interessieren wären, sondern bei den Erwachsenen. Die Mentalität in Vorarlberg ist so, dass Eigentum etwas sehr Privates ist und nicht diskutiert werden darf. Über das Thema Eigentum wird im öffentlichen Diskurs nur unter der Hand gesprochen, weil man Personen nicht direkt auf deren Eigentum ansprechen will. Um deine Frage noch zu beantworten, es ist umso wichtiger, dass man Kinder für dieses Thema sensibilisiert, weil sie aufnahmefähig sind für dieses Thema und auch begreifen, was die Probleme sind. Sensibilisierte Kinder werden im Idealfall einmal sensibilisierte Erwachsene.

„Es gibt eine große Palette an Leerstand und beim Festival ist es darum gegangen, diese aufzubereiten.“

C: Wie empfindest du die Beteiligungsbereitschaft der Bevölkerung zur Dorfentwicklung?

J: Die Beteiligungsbereitschaft im Bereich Dorfentwicklung ist in Vorarlberg dann massenhaft gegeben, wenn es darum geht, etwas zu verhindern. Wenn es darum geht, sich für etwas einzusetzen, dann sind es meistens die gleichen motivierten und arrangierten Akteure, die bei Versammlungen und Workshops vorzufinden sind. Das ist leider so. Es ist fast unmöglich, die breite Masse der Bevölkerung für klassische Beteiligungsgeschichten zu gewinnen. Wenn, dann müsste man mehr in die aufsuchende Partizipation gehen und die Beteiligung niederschwellig machen. Das Thema bei Festivitäten und Märkten, die sowieso stattfinden, leicht bekömmlich aufbereiten und ausstellen, damit sich die Leute einbringen wollen. Einfach nur Veranstaltungen, Workshops oder Bürgerbeteiligungsabende zu veranstalten, genügt in den meisten Fällen nicht, um viele Leute zum Kommen zu bewegen. Die Ausnahme ist, wenn es der Bevölkerung wirklich unter den Fingern brennt. Auch wir haben versucht, das Festival nicht nur Fachlich sondern auch mit künstlerischem und musikalischem Rahmenprogramm zu gestalten, damit auch Leute kommen, die weniger Interesse an der Fachmaterie haben. Es hat so lalala funktioniert. Vereinzelt sind Leute zu den Fachveranstaltungen gekommen, die nichts mit der Materie Leerstand zu tun hatten. Sehr viele Leute haben sich aber für die Kunstausstellungen interessiert. Meiner Meinung nach, müsste man generell mehr in die aufsuchende und lustvolle Art, Partizipation zu gestalten, gehen.

„Einfach nur Veranstaltungen, Workshops oder Bürgerbeteiligungsabende zu veranstalten, genügt in den meisten Fällen nicht, um viele Leute zum Kommen zu bewegen.“

 

C: Gab es eine Thematik, die dir während des Festivals besonders am Herzen lag?

J: Eigentlich nicht. Es ging darum, die verschiedenen Arten und Hintergründe für Leerstand aufzudecken, also nicht nur auf den Wohnungsleerstand einzugehen, sondern auch auf Geschäftsflächenleerstand und Industriebrachen oder, wenn man sich den Wohnungsleerstand genauer ansieht, auf die unterschiedlichen Problemfelder vom Leerstand, der rein aus Investitionswillen der Eigentümer geführt wird oder Leerstand, der einfach daraus entsteht, dass die Immobilien in keinem guten Zustand mehr sind, da sich die Eigentümer finanziell oder mental nicht darüber hinaussehen, die Immobilie selbstständig zu renovieren. Es gibt eine große Palette an Leerstand und beim Festival ist es darum gegangen, diese aufzubereiten.

C: Gibt es für dich Paradebeispiele für optimale Leerstandnutzung?

J: Im Prinzip ist jede neue Nutzung von einem Leerstand positiv. Es kommt auch darauf an, was man in den Leerständen haben will. Oft sind es gerade in strukturschwächeren Gebieten oder Ortsteilen die üblichen Verdächtigen wie Nagelstudios oder Erotikstudios. Wenn du als Gemeinde oder Region eine positive Entwicklung haben willst, musst du auch etwas dafür tun und dabei sind Zwischennutzungen auch als strategisch eingesetztes Instrument ein sehr probates Mittel. Diese gehören aber zuerst in der Bevölkerung bekanntgemacht, weil nicht jeder weiß, was Zwischennutzung genau bedeutet und es zum Teil dem „normalen“ Umgang mit einer Immobilie widerspricht. Bei einer Zwischennutzung geht es eigentlich darum, einen bestimmten Zeitraum anzuvisieren und über vergünstigte Konditionen die Leute in den Leerstand zu bringen. Auch den Eigentümer muss das klargemacht werden, weil sie natürlich am liebsten den vollen Mietzins hätten. Ein guten Beispiel, das ich in Vorarlberg spezifisch sagen könnte, ist das POTENTIALe-Festival, in welchem versucht wird, leerstehende Geschäftslokale über sehr punktuelle Zwischennutzungen von ein oder zwei Wochen zu bespielen und Raum für junge Künstler zu schaffen.

C: Was unternimmt das Land Vorarlberg gegen Leerstand?

J: Es gibt eben das Projekt Sicher Vermieten, das sozusagen für das Segment, für das es ausgelegt ist, also den Mietwohnungsleerstand, aber für alles andere nicht. Das ganze Sanierungsthema wird dabei nicht angegangen. Es wird auch nicht diskutiert, ob man wirklich stärker ins Eigentum eingreifen oder in der Raumplanung schärfere Maßnahmen vorsehen müsste, damit die ganzen Investitionsgeschichten zurückgehen. In Vorarlberg traut man sich nicht politisch über dieses Thema, weil, wie schon gesagt, der Eigentum heilig ist. Was gerade in Ausarbeitung ist, ist eine vorarlbergweite Leerstandserhebung. Dazu kann ich im Moment aber noch nicht viel sagen.

C: Wie würdest du die Leerstandproblematik in 3 Worten beschreiben?

J: Wenn es sich um Investitionsleerstand handelt – asozial, wenn es um das Sterben von Ortskernen geht – Identitätszerstörend und generell, das sind aber zwei Worte, – nicht nachhaltig.

C: Was hat dich dazu bewegt, das zu tun, was du heute tust?

J: Ich finde die Leerstandsituation in Vorarlberg, so wie sie gerade ist, total unbefriedigend, weil es um ein Thema geht, dass eben nicht nur den Eigentümer betrifft, sondern alle miteinander. Für mich ist Leerstand, wie schon gesagt, ein sozialer Unfug, weil Wohnen immer teurer wird und es sich einige Leute dennoch leisten können, 20 Wohnungen zu haben, die leer stehen und es ist für mich auch ein ökologischer Quatsch, weil der Druck auf die Siedlungsländer immer stärker wird und gleichzeitig die Ortszentren geschwächt werden. Zuletzt ist es auch volkswirtschaftlich unklug, so viel Wohnraum, der ein Grundbedürfnis jeden Menschen ist, ungenützt einfach leer stehen zu lassen.

„In Vorarlberg traut man sich nicht politisch über dieses Thema, weil, wie schon gesagt, der Eigentum heilig ist.“

 

C: Was ist deine Definition von Leerstand?

J: Alles, was ohne zeitlich absehbare, konkrete Nutzung nicht genutzt wird.

C: Gibt es schon Pläne für zukünftige Projekte?

J: Gudrun und ich möchten das Festival Usgnutzt weiterführen. Wir wissen allerdings noch nicht genau wie, da es mit viel zeitlichem Aufwand verbunden ist. Falls es noch einmal stattfindet, möchten wir es professioneller machen und vielleicht auch dezentral gestalten, also nicht an einem Standort, sondern an mehreren. Natürlich ist es aber eine finanzielle Sache, ob Usgnutzt noch einmal stattfinden wird.

 

Chiara, 22, Geographiestudentin aus Vorarlberg, die durch ihr Studium erst kürzlich die Stadtgeographie für sich entdeckt hat und durch ihr Praktikum bei Paradocks so viel wie möglich dazulernen möchte.

 

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