13. Dezember 2017 Paradocks

Die vielen Gesichter des Leerstandes

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Leerstand ist ein ständiger, unscheinbarer Begleiter unseres Lebens, unseres Umfeldes und unserer Wahrnehmung. Manchmal ist Leerstand offensichtlich, manchmal hinter verschlossenen Türen und Fenstern verborgen und manchmal verkleidet als Zwischennutzung. Das Wort Leerstand wird im Duden auch als das Nichtbewohntsein beschrieben und genau das sind etliche Gebäude in Österreich.

Obgleich verlassene Gebäude auch als Sinnbild für Scheitern, Krisen und Tristheit gesehen werden können, strahlen sie auch eine morbide Faszination aus. Jedes Gebäude erzählt eine Geschichte, die es zu entdecken gilt. Gründe für den Leerstand gibt es viele. Seien es Spekulationen und Profitstreben auf dem Immobilienmarkt, das fehlende Geld für Sanierungsarbeiten, strikte Regeln des Denkmalschutzes, die Zersiedlung durch den demographische Wandel oder ungeregelte Eigentumsrechte, ein Gebäude ist ohne inneres Leben meist dem Verfall geweiht. Dieser wird in vielen Fällen durch Vandalismus beschleunigt und prägt eingehend die Ortsbilder. Um den vielen leerstehenden Gebäuden und des damit einhergehenden Verfalls ein Gesicht zu geben, werden in diesem Beitrag die Geschichten ausgewählter Beispiele erzählt.

Bahnhof Punkau – Niederösterreich

Der noch unter Kaiser Franz Joseph erbaute Bahnhof stellte bereits 1990 den Betrieb ein und steht seither leer. 2017 nutzte das Viertelfestival Weinviertel den alten Bahnhof als Spielboden für das Theater „die Heimkehr“. Das Viertelfestival behandelte dieses Jahr die Thematik „Künstlerische Zwischennutzung von temporären Leerstandsobjekten“.

 

 

 

 

 

Gut Guggenthal – Salzburg

Das denkmalgeschützte Gut umfasst einen alten Braugasthof, ein Moarhäusl, die Villa Ceconi, ein Schmiedhäusl sowie ein Brauereigebäude und gehörte ab 1861 der Bierbrauer- und Weinhändlerfamilie Weikl. Es war das alte Zentrum der Ortschaft Guggenthal. Das Brauereigebäude wurde 1916 zugesperrt. Zu dieser Zeit herrschte auf dem Hof noch ein landwirtschaftlicher Betrieb. Das Gasthaus schloss Ende 1990 seine Türen. Seither war es verlassen und in einem schlechten baulichen Zustand. 2012 wurde das Gut von Salzburgern, mit Plänen einer nachhaltig Revitalisierung, gekauft.

 

Das Gewächshaus, Rankweil – Vorarlberg

Ein leerstehendes Gebäude im Ortskern von Rankweil wurde 2014 im Rahmen des Garten-Festivals „Querbeet“ bepflanzt und renaturiert. Die Geschichte vom Werden und Vergehen soll durch dieses Kunstprojekt dargestellt werden. Das Haus wird laut Planung in den nächsten Jahren abgerissen werden.

 

 

 

 

 

Das Sanatorium Wienerwald – Niederösterreich

Das 1903 gegründete Lungensanatorium, das Patienten wie Ignaz Seipel und Franz Kafka behandelte, blickt auf eine lange Geschichte zurück. Nach dem ersten Weltkrieg wurde es als Kriegerheilstätte benutzt, in der NS-Zeit funktionierte es als Mütterheim Lebenborn, danach diente es als Kindererholungsheim und später als Jugendherberge, Erholungsheim der Krankenkasse und schlussendlich als „Hotel Feichtenbach“. Seit 2002 steht das von einer deutschen Holding Gesellschaft gekaufte Gebäude leer.

Grandhotel Straubinger, Bad Gastein – Salzburg

Das 1840 errichtete Hotel der Familie Straubinger gehörte bis zum Verkauf zu den prächtigsten historischen Gebäuden im Kurort Bad Gastein. Um die Jahrhundertwende erwarb der Immobilieninvestor Duvan das Hotel und ließ es leerstehen. Ende 2017 erwarb das Land Salzburg nach jahrelangen Verhandlungen das Gebäude zurück. Die Sanierungsplanung ist bereits im Gange.

 

 

 

 

 

Das Wellnesszentrum Laßnitzhöhe – Steiermark

In den 70er Jahren war das Wellnesszentrums in Laßnitzhöhe beinahe eröffnungsbereit, als kurz vor der Fertigstellung dem Investor die finanziellen Mittel ausgingen. Das Gebäude steht seither leer. Einzig für Brandübungen der Feuerwehr wurde das Gebäude in den letzten Jahren verwendet. Im Flächenwidmungsplan ist das Gebiet als Kurort gewidmet.

Armenhaus, Muntlix – Vorarlberg

Das 138 Jahre alte und denkmalgeschützte „Armenhaus“ diente früher als Gebäude für Sozialwohnungen. Es steht seit mehreren Jahren leer und soll laut Gemeinde zu einer gemeinnützigen Wohnanlage umgebaut werden. Allerdings wurde noch kein Baubescheid stattgegeben.

 

 

 

Lungenheilstätte in Hirschenstein – Burgenland

Die 1955 erbaute Lungenheilanstalt in Hirschenstein wurde 1986 zum Pflegeheim umfunktioniert, welches 2012 in eine neue Einrichtung zog. Seither steht das sogenannte Geisterhaus leer. Es bestand die Möglichkeit, Pflegeinventar für private Pflege vom Besitzer abzukaufen.

 

 

 

 

 

Hotel Alpenhof in Pertisau – Tirol

Das um die Jahrhundertwende gebaute und denkmalgeschützte Hotel Alpenhof in Pertisau wurde 1929 vom bekannten Architekten Mazagg umgebaut. Bereits in den Sechzigern wurde das Hotel durch den Tot der Besitzerin geschlossen und erfüllt seither keinerlei Funktionen mehr.

 

Thermalbad Bleiberg – Burgenland

Geplante Sanierungsarbeiten für das alte Thermalbad Bleiberg in Kärnten scheiterten an der Finanzierung. Das Bad war damit 2014  für die Besitzer untragbar geworden. Ein letztes Mal geöffnet hatte das Bad für mehrere Flohmärkte, die das Inventar zum Verkauf anboten.

 

 

 

 

 

 

Krankenpflegeschule Lainz – Wien

Die ehemalige Krankenpflegeschule Lainz erregte im Frühjahr 2017 Aufsehen, als das Gebäude aus Protest für solidarische Landwirtschaft von AktivistInnen besetzt wurde. Das 1872 erbaute Gebäude war zuerst eine Heilanstalt für Nervenkranke bis es 1924 bis 2013 als Schwesternschule der Gemeinde Wien diente. Das Gebäude sollte nach der Schließung weiter für Bildungszwecke genutzt werden, wurde schlussendlich aber an Bauträger verkauft. Seither steht es leer.

Kinderheilanstalt Lilienfeld – Niederösterreich

Der Bau der Kinderheilanstalt Lilienfeld wurde während des ersten Weltkriegs vor allem durch die Spende von C.M. Frank, den Besitzer eines Schneiderbetriebes, ermöglicht. Es gibt immer wieder Gerüchte, dass in der NS-Zeit Medikamente an Kindern ausgetestet wurden. Dies konnte allerdings nie bestätigt werden. Um 1970 schloss das Kinderkrankenhaus und es wurde für 10 Jahre eine Lungenheilanstalt betrieben.  Briefumschläge lassen darauf schließen, dass das Spital möglicherweise eine Zeit lang als Flüchtlingslager diente.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schutzhaus Semmering – Niederösterreich

Der alte Gasthof in Semmering, nahe der steirischen Grenze, ist seit Jahren unbewirtet und kaum noch begehbar.

 

 

 

 

 

 

 

 

Hermann-Kaseren, Leibnitz – Steiermark

Im September 2007 wurde die 1961 eröffnete Hermann-Kaserne, in der insgesamt 20.000 Soldaten ihren Dienst abgeleistet haben, aufgelöst und blieb seither ungenutzt. Die Stadtgemeinde hatte der Republik das Areal 2009  um 1,3 Millionen Euro abgekauft. Ein Bebauungsplan liegt seit mehreren Jahren vor. Aus dem Areal soll ein Mix aus Wohn-, Freizeit- und Büroflächen werden. Verändert hat sich bis jetzt aber noch nichts.

 

 

 

Chiara, 22, Geographiestudentin aus Vorarlberg, die durch ihr Studium erst kürzlich die Stadtgeographie für sich entdeckt hat und durch ihr Praktikum bei Paradocks so viel wie möglich dazulernen möchte.

Quellen: Hermann-KaserneKinderheilanstalt LilienfeldKrankenpflegeschule LainzBad BleibergAlpenhof PertisauArmenhausHirschensteinLassnitzhöheHotel StraubingerSanatorium WienerwaldBahnhof PulkauGut Guggenthal

 

Praxisbezogene Immobilienlösungen für Wien