15. Dezember 2017 Paradocks

Die leeren Dörfer und vollen Städte

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Der Trend der Urbanisierung ist ein weltweites Phänomen, das auch in Österreich Anklang gefunden hat. Bereits zwei Drittel der Bevölkerung wohnen in einer Stadt oder im Stadtumland. Ständiger Begleiter des Städtebooms ist die Landflucht. Ortschafften und Randbezirke, die nicht in unmittelbarer Nähe eines Zentrums liegen, werden es ohne spezielle Maßnahmen in Zukunft sozioökonomisch schwer haben. Stellt die Leerstandsproblematik im städtischen Bereich bei zu hoher Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt und zu wenig Angebot fast schon eine Absurdität dar, dreht sich die Situation auf dem Land um. Da heißt die Priorität, die Ortskerne zusammenzuhalten und nicht verwaisen zu lassen.

Im ländlichen Kontext bedeutet Leerstand meist eine Konsequenz von Schrumpf,- und Zersiedlungsprozessen. Viele Gebäude im Ortskern werden nicht genutzt und gehen mit der negativen Wertvorstellung eines Missstandes/Verfalls einher. Unsere Identitätsbildung ist von Wachstum geprägt, Schrumpfung wird als Scheitern angesehen. Dass die Leerstandsproblematik dennoch erst seit den letzten Jahren in der Politik und auch bei der Bevölkerung als Problemfall wahrgenommen wurde, liegt wahrscheinlich an der fehlenden Datengrundlage. Gebäudeeigentümer sind in Österreich nicht dazu verpflichtet, Leerstand zu melden und müssen, bei mehrjährigem Leerstand und Verfall, keine Konsequenzen fürchten. In den letzten Jahren ist das Bewusstsein für die Leerstandssituation mit möglichen Folgen dennoch gewachsen und konkrete Leerstanderhebungen, zumindest von öffentlichen Gebäuden sowie Erdgeschoßzonen, werden konkretisiert oder in Arbeit genommen.

Es stellt sich die Frage, wieso dem Ortszentrum so große Bedeutung zugemessen wird und Maßnahmen zur Erhaltung der Ortskerne substanziell sind. Der Status als Nahversorger wurde längst an Supermarktketten in Ortsrandlangen oder nahen Zentren abgetreten und die motorisierte Mobilität lässt größere Distanzen schwinden. Laut dem Verkehrsclub Österreich hatte bereits 2011 jede vierte Gemeinde keine Nahversorger mehr. Auch die Situation des Gasthaussterbens ist ähnlich. Die Relevanz von Dorfkernen ist dennoch schützenswert. Dorfkerne sind die Basis vom Identitätsdenken und gesellschaftlicher Ausgangspunkt der BewohnerInnen.

Die Funktionsentleerung des Ortskernes und die Nebenwirkung Leerstand haben aber nicht nur einen gesellschaftlichen Aspekt. Die mangelnde Beanspruchung von Infrastrukturanlagen im Ortsgebiet, die sinkenden Einkommensquellen der Gemeinden, der Eindruck des Verlassenen sowie die Flächenversieglung durch Neubau statt Umbau führen zu einem Imageverlust und tragen zu einem Teufelskreis von Abwanderung und Verödung bei. Dieser Prozess wird in der Literatur auch als „filtering-down Prozess“ bezeichnet und zeigt das sensible Zusammenspiel von Ursache und Wirkung.

„Die Lösung“ zur stärkeren Frequentierung der Ortskerne gibt es nicht. Maßnahmen und Instrumente für einen funktionierenden Ortskern müssen gezielt individuell zusammengestellt und an Gegebenheiten jeder Gemeinde angepasst werden, um zu revitalisieren und eine sozialere Dichte zu schaffen. Auch das Einbeziehen der BürgerInnen spielt dabei eine wichtige Rolle.

Die Steiermark hat 2015 mit dem Projekt Dorf 2.0: VON DER LEERE ZUR FÜLLE konkrete Schritte zu einer nachhaltigen Entwicklung von leerstehender Substanz gesetzt. Innovative und zukunftsorientierte Maßnahmen wurden an zwei stellvertretenden steirischen „Pilotgemeinden“ durchgeführt und die Ergebnisse analysiert. Ziel des Projektes war es, einen lebendigen, funktionsreichen Ortskern zu erhalten und damit einhergehend eine stabile soziale Dichte zu schaffen. Weitere Infos unter Projekt 2.0.

Eine andere Maßnahme für eine gute ländliche Lebensqualität bietet eine gesicherte Nahversorgung im Ort. Der Erhalt von Dorfläden in Vorarlberg als Nahversorger sowie Kommunikationsraum in Gemeinden wird dabei vom Verein Dörfliche Lebensqualität und Nahversorgung unterstützt und gefördert. Unter Dörfliche Lebensqualität gibt es mehr Infos.

Eine nachhaltige Nutzung von Raumressourcen ist auch der Fokus vom Verein Fruchtgenuss, der sich mit Leerstandangelegenheiten beschäftigt und dabei auf die Einbeziehung der Bevölkerung großen Wert legt. Seit 2016 ist der Raumwagen, ein umgebautes Feuerwehrauto, für mobile Aktivierung von ungenutztem Raum vor Ort in Österreich unterwegs. Dabei soll der mobile Raum vor allem Begegnung und Austausch fördern.

Nachdenklich stimmt der österreichische Dokumentarfilm Global Shopping Village, der die Thematik vom Profitstreben der Shoppingcenterentwickler, der damit verbundene Problematik von leerstehenden Ortskernen und andere Auswirkungen auf unsere Lebenswelt behandelt. Zum Trailer: http://www.globalshoppingvillage.at/.

 

Chiara, 22, Geographiestudentin aus Vorarlberg, die durch ihr Studium erst kürzlich die Stadtgeographie für sich entdeckt hat und durch ihr Praktikum bei Paradocks so viel wie möglich dazulernen möchte.

Quellen:

Dorf 2.0Dörfliche LebensqualitätRaumwagenGlobalShoppingVillageTitelbildStatistik

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